07.11.2019

Rückblick: 10. Berliner Symposium der GWQ


Neue Therapien lassen Kosten explodieren – Wunsch nach mehr Transparenz und Evidenz

Die Ausgaben für neue Krebstherapien sind in den letzten vier Jahren um rund 50 Prozent gestiegen. In vielen Fällen führen die Medikamente zu längerem Überleben oder gar zur vollständigen Heilung. Aus Patientensicht sind diese Innovationen zu begrüßen, aber die Hersteller seien in der Pflicht, Evidenz zum Nutzen und Transparenz zur Preisbildung zu schaffen. Mit diesen Aussagen eröffnete Benjamin Plocher, Vorstand der Daimler BKK, das 10. Berliner Symposium der GWQ in der Daimler Repräsentanz Haus Huth. Hier wurden die Chancen und Herausforderungen der neuen Therapien für die GKV diskutiert und am Beispiel der Niederlande vorgestellt, wie dort der Marktzugang von hochpreisigen Medikamenten geregelt ist.

Neue Wirkstoffe und Therapiekonzepte werden die Arzneimittelversorgung auf absehbare Zeit nachhaltig verändern. Auf dem 10. Berliner Symposium der GWQ ServicePlus AG wurden einige der aktuell wichtigsten Entwicklungen vorgestellt und diskutiert. Vor den 120 geladenen Gästen stellten Mediziner konkrete therapeutische Perspektiven vor, nationale wie ausländische Expertinnen beleuchteten Fragen des Marktzugangs und der Preisfindung für innovative wie hochpreisige Arzneien.

Aus medizinischer Sicht, daran ließ Prof. Dr. med. Andreas Mackensen vom Universitätsklinikum Erlangen keinen Zweifel, hat auf den Gebieten Hämatologie und Onkologie eine neue Ära begonnen. Als Direktor der Erlanger Klinik für Hämatologie und Internistische Onkologie, der anwendungsorientiert zu den therapeutischen Innovationen forscht, stellte er die therapeutischen Ansätze und den medizinischen Nutzen vor. Ohne Frage sei dieser mit enorm steigenden Kosten verbunden. Die Mediziner würden daher verstärkt zu Biomarkern forschen, über die Patienten identifiziert werden können, die für die jeweilige Therapie geeignet sind, um unnötige Ausgaben zu vermeiden. Andererseits würden verschiedene notwendige Leistungen der onkologischen Kliniken bis heute nicht vergütet – die CAR-T Therapie sei für Kliniken ein Zusatzgeschäft.

Für die gesetzlichen Krankenkassen ist der medizinische Fortschritt mit erheblichen finanziellen Belastungen und mit kalkulatorischer Unsicherheit verbunden. Das belegte Dr. med. Antje Haas, die beim GKV-Spitzenverband den Bereich Arzneimittel und Heilmittel verantwortet. Die Ausgaben für Onkologika und für Kombinationstherapien seien in vier Jahren um 49 bzw. 58 Prozent gestiegen, obwohl der Nutzen oftmals bei der Zulassung nicht nachgewiesen ist. Die Arzneimittelausgaben insgesamt sind nur um 16 Prozent angewachsen. Problematisch ist es aus ihrer Sicht, dass es aufgrund der beschleunigten Zulassungsverfahren an Evidenz fehle und die teils Jahre später auch nicht erbracht würde. Diese müsse aber nachgelagert erbracht werden, wenn die Kostenträger die Innovationen dauerhaft bezahlen sollen.

Weil die Kostenfrage genauso international ist wie die Anwendbarkeit der neuen Krebsmittel, hatte die GWQ Dr. Sarah Kleijnen eingeladen. Als Biologin und Gesundheitsökonomin ist sie beim niederländischen Zorginstitut mit Fragen der Qualität, des Zugangs und der Bezahlbarkeit von Versorgungsleistungen befasst. Bei den teilweise extrem teuren Onkologika, so Dr. Kleijnen, sei Effizienz ein zentrales Kriterium. Z. B.: Wie hoch sind die Therapiekosten pro zusätzlichem Lebensmonat? Ihr Institut errechnet das und gibt auf dieser Grundlage eine Empfehlung ab. Entscheidungen und Preisverhandlungen liegen dann in der Verantwortung des Gesundheitsministeriums. Dieses, wie Dr. Kleijnen einräumt, umstrittene Vorgehen wird mit dem solidarischen Ansatz der niederländischen Gesellschaft erklärt: Man möchte für das vorhandene Budget „möglichst viel Gesundheit“ für alle kaufen. Da passe es nicht, für jeden auch nur teilweisen Therapieerfolg beliebig viel Geld bereitzustellen, zumal wenn damit Gewinnquoten von 20 Prozent bei den Herstellern erzielt werden.

Heinrich Moisa, als Mitglied der Geschäftsführung der Novartis Pharma GmbH für den Bereich der Onkologie verantwortlich, stellte zunächst neben den medizinischen Vorteilen von Innovationen auch die wirtschaftliche Bedeutung der pharmazeutischen Industrie für den Wohlstand in Deutschland heraus. Qualität sei für sein Unternehmen das Wichtigste, deshalb wolle man in Zusammenarbeit mit den Medizinern mehr Evidenz schaffen. Das dürfe man nicht auf die ansonsten zulassungsnotwendigen Phase-3-Studien beschränken, diese seien bei den Innovationen in vielen Fällen nicht praktikabel. Die CAR-T Therapien sieht er als Erfolgsgeschichte, die nicht zuletzt in Deutschland spielt. Bei den Kosten sei Novartis flexibel und innovativ, wie der Vertrag mit der GWQ beweise. Ein allgemein funktionierendes Modell sei erfolgsorientierte Vergütung für Novartis aber nicht.

Zur abschließenden Diskussion auf dem Podium hatte die GWQ daher neben den Referenten Dr. med. Antje Haas und Heinrich Moisa, noch Michael Hennrich und Thomas Müller geladen: Michael Hennrich vertritt als Bundestagsabgeordneter die CDU/CSUFraktion im Gesundheitsausschuss, Thomas Müller ist als Leiter für Arzneimittel, Medizinprodukte, Biotechnologie im Bundesministerium für Gesundheit zuständig sowie für die Entwicklung von Preisbildungs- und Marktzutrittsmechanismen.

Thomas Müller sieht die Herausforderungen, aber keinen Grund zur Dramatisierung. In der Vergangenheit hätten sich vergleichbare Probleme letztlich relativiert. Einen akuten Handlungszwang sehe das Gesundheitsministerium nicht. Auch Michael Hennrich sieht noch keinen Epochenwandel, der radikale Änderungen bei Zulassung und Preisbildung erfordere. Die Gesundheitspolitik sei mit schrittweisen Anpassungen gut gefahren, das solle man fortsetzen. Der von Dr. Haas aufgegriffene Vorschlag der niederländischen Expertin, neue Therapien preiswert einzuführen und bei gutem Nutzen zu verteuern, überzeugte Heinrich Moisa nicht – man könne einfach nicht sagen, was denn ein niedriger Einstiegspreis sei. Der GWQ-Vertrag, so Oliver Harks, GWQ-Bereichsleiter Versorgung, gehe davon aus, dass die Herstellerversprechen stimmen und man einen Ausgleich erhalte, wenn das Versprechen nicht eingehalten werde. Allerdings wurde auch klargemacht, dass bis heute nicht eindeutig geregelt ist, was denn ein Therapieerfolg sei.


Ansprechpartnerin bei der GWQ ServicePlus AG
Bettina Middendorf-Piniek, Hauptbereichsleiterin Administration & Service
Telefon: 0211-758498-23
E-Mail: bettina.middendorf-piniek@gwq-serviceplus.de


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